März 2021

Wie in der Gesellschaft, so in der Team-Zusammenarbeit!               

Zwei Geschichten – Dinge von zwei Seiten betrachten.


Die sechzehnjährige Jeni Hia* sollte nach ihrem Übertritt in die öffentliche Mittelschule (in Padang, Sumatra, Indonesien) eine Kopfbedeckung tragen. Laut einem 2005 im Bezirk Padang eingeführten Gesetz hatte Jeni die Pflicht, ein Hijab zu tragen, genauso wie alle weiblichen Studierenden in ihrer Schule.

Jeni aber weigerte sich, eine Kopfbedeckung zu tragen, weil es nicht ihrer Identität entspreche. Denn Jeni gehört nicht zu den 87 % Moslems dieser Region, sondern zu einer Minderheit, zu einer anderen Religion, die eben keine Kopfbedeckung vorschreibt.

Der Grund, wieso das Gesetz in Padang nicht nur für junge Muslima, sondern auch für alle anderen angewandt wird, ist einfach: Viele Bewohner des Bezirks empfinden einen unbedeckten Kopf einer Frau als seltsam, fragwürdig, moralisch falsch – und sie verstehen nicht, wieso jemand so rumlaufen möchte. Zu diesen Hijab-Befürwortern gehört auch der Bezirksvorsteher, und so war das Gesetz in dieser Gegend politisch gut abgestützt.

Jeni wollte es aber nicht akzeptieren und brachte ihr Anliegen vor die Behörden. Sie wurde dabei unterstützt von ihrem Vater und ihrer Familie. Sie bekam schliesslich von einer oberen Instanz Recht (der Fall ging bis zur Zentralregierung in Jakarta) – weil Indonesien eine säkulare Verfassung hat und eine Demokratie ist, die auch Minderheitenrechte schützen möchte. Der Schulleiter der Mittelschule entschuldigte sich daraufhin für das bisherige Vorgehen und erklärte das Tragen von Kopfbedeckungen für Nicht-Muslima für freiwillig. Daraufhin verzichteten neben Jeni 22 weitere nicht muslimische junge Frauen dieser Schule darauf, den Hijab zu tragen.

Eine erfreuliche Geschichte über Demokratie und Toleranz, nicht wahr?

* „Breaking cover“, The Economist, 27.2.2021, S.41 und, fast einen Monat (31.3.2021) später: NZZ Indonesien: Kleidervorschriften im Dienst der Islamisierung (nzz.ch)

 

Die zwanzigjährige Samira Wayan**, soll in Zukunft ihr Gesicht nicht mehr verhüllen dürfen. Gemäss einem im März 2021 vom Schweizer Stimmvolk zu beschliessenden Gesetz wäre dies nicht erlaubt.

Mit Einführung des neuen Gesetzes (ca. ab 2023) wäre das Tragen von Gesichtsverhüllung (insbesondere Nikab oder Burka) in der Schweiz verboten. Dies gälte dann nicht mehr nur für die 99,99% der Frauen der Schweiz, die das eh so halten, sondern auch für die Handvoll Frauen, deren Kultur, Glauben oder Religion die Gesichtsverhüllung vorsehen.

Persönlich verstehe ich, wie viele andere SchweizerInnen auch nicht, wieso diese Frauen so rumlaufen; ich finde es ehrlich gesagt seltsam, moralisch fragwürdig, eigentlich falsch. Aber da ich in einer säkularen Demokratie lebe, die auch Minderheiten und anders Denkende schützen möchte, kann ich darauf verzichten, anderen meine persönliche Sichtweise aufzuzwingen.

Mit etwas «Glück» wird das Gesetz also vom Stimmvolk abgelehnt*** und Samira kann so rumlaufen, wie sie will. Es ihr gleichtun, also mit Gesichtsschleier rumlaufen, würden dann vermutlich etwa 22 oder vielleicht auch 220 Schweizerinnen.

Das wäre dann auch eine erfreuliche Geschichte über Demokratie und Freiheit, nicht wahr?

** Namen geändert

*** Nachtrag am 8. März: Das ist dann anders gekommen…. was aber meine hier dargestellte Sichtweise nicht ändert.


Hat das etwas mit Zusammenarbeit zu tun? Ja, auf jeden Fall!

Eine Thematik von zwei Seiten anzuschauen, sich allenfalls in die Position anderer zu versetzen; das ist eine Fähigkeit von Menschen, die gut darin sind, Konflikte zu lösen und Teams zu stärken.

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